Gary Kuehn (*1939, New Jersey) gehört zu den bedeutenden Vertretern der «Post Minimal» und «Process Art» und hat mit seinem bildhauerischen Oeuvre zur Erneuerung des Skulpturbegriffs in den 1960er-Jahren beigetragen. Schon früh hat er auch im Medium der Zeichnung und der Malerei nach Ausdrucksformen für sein zentrales Thema gesucht: Das Spannungsfeld zwischen Begrenzung und Freiheit von Geste und Materie. In der 1969 begonnenen und bis heute fortgesetzten Werkreihe der «Black Paintings» zeigt Kuehn eine skulpturale Interpretation der Malerei. Der Künstler begreift die Leinwand dabei als «prozessual zu füllenden Behälter»: Acrylfarbe wird in unregelmässige, kreisförmige Schablonen gegossen, wobei die Schablonenform in die eckige Leinwandform gedrückt und deformiert wird. Dieses Prinzip entwickelt der Künstler weiter und lässt in zwei «Black Painting» aus dem Jahr 2018, welche Teil der Präsentation sind, die Farbe aus der eckigen Leinwand austreten und vermeintlich auf den Boden tropfen. In weiteren Zeichnungen aus den Jahren 1967 bis 2019 drängt die Farbe aus begrenzenden Formen wie Kreis, Quadrat oder Dreieck heraus. Das Verhältnis zwischen Kontrolle und Freiheitsstreben zu überwinden, ist auch in den zwei seltenen, frühen Skulpturen «Melt Piece» (1964) und «Untitled» (1968) immanent. Hier wird die «Logik der Konstruktion» (Kuehn) des ehemaligen Dach- und Stahlarbeiters unterlaufen, indem geometrische Formen «aufbrechen» und ihr Inneres ausfliesst.
Während Gary Kuehn die strengen geometrischen Prinzipien des Minimalismus durch Verformung, Spannung und eine oft bewusst fragile Materialität aufbricht, hat David Reed (*1946, San Diego) eine eigenständige Position zwischen gestischer Malerei und medialer Inszenierung entwickelt. Seine Werke verbinden expressionistische Maltraditionen mit filmischen Bildstrukturen und erzeugen einen Dialog zwischen physischer Oberfläche und visueller Illusion. Auf der Suche nach einem direkten künstlerischen Ausdruck schuf Reed zwischen 1974 und 1975 schmale Leinwände, in denen er in schneller Folge breite horizontale Pinselspuren nass in nass setzte. Seit den «Brushstroke Paintings» der 1970er-Jahre hat er dieses Bildelement immer wieder aufgegriffen und zu einem wichtigen Instrument seiner Malerei entwickelt. Das im Collector’s Room präsentierte Gemälde «Untitled 163-2» (1981) besteht aus zwei einzeln aneinandergesetzten Leinwänden, die ein «Ungleichgewicht» herstellen und die Lesbarkeit der «Komposition» unterlaufen (Reed). So entsteht ein Eindruck von Bewegungsunschärfe, in dem sich die horizontalen «Brushstrokes» in Schwarz-Weiss (linke Bildseite) von intensiv farbigen, schleifenartigen Malgesten (recht Bildseite) absetzen. Die Farbschichten werden dabei wie transparente Folien übereinandergelegt, im trockenen Zustand geglättet und erneut überarbeitet, wodurch sich eine dichte, beinahe filmische Tiefenstruktur bildet. Das extrem gelängte Bildformat verdichtet diese kontrollierte Konstruktion.
Im Anschluss an die gestisch komplex angelegten Arbeiten von David Reed richtet Michael Venezia (*1935, Brooklyn – 2025, Trevi) den Fokus auf eine reduzierte malerische Praxis, in der Farbe, Auftrag und Materialität in ihrer unmittelbaren Erscheinung untersucht werden. Als wichtiger Erneuerer der Malerei in den 1960er Jahren konzentriert sich Venezia in seinem Werk auf die konkreten Bedingungen des Farbauftrags, der Oberfläche und der Verteilung des Materials im Bildraum. Ab 1967 verwendete er als einer der ersten bildenden Künstler die Farbsprühpistole, die das Handschriftliche des Pinselduktus nahezu eliminiert und stattdessen Luftdruck sichtbar werden lässt. Ein Gemisch aus metallischen Pigmenten und Acryl- oder Ölfarbe verweist dabei ganz eindeutig auf die malerische Qualität des Lichtes. Offensichtlich wird das anhand der Papierarbeit «MV NY #815» von 1973 in unserer Ausstellung: je nach Lichteinfall verändern sich die in exakt ausgemessenen Abständen aufgesprühten Farbstösse optisch. Das grossformatige Gemälde «Untitled CV5» (1966) zeigt charakteristische Farbbänder, die so angeordnet sind, dass weite Teile der Leinwand frei bleiben und die Eigenständigkeit von Malerei und Bildträger betont wird.